Peter J. König im Gespräch mit Jörg Schindler über das Buch "Panikmache- Wie wir vor lauter Angst unser Leben verpassen- S. Fischerverlage

Lieber Jörg Schindler, dieser Tage habe ich Ihr Buch "Panikmache" auf "Buch, Kultur und Lifestyle"rezensiert und möchte Ihnen heute einige Fragen dazu stellen.

Hier der Link zur Rezension: Panikmache

Peter J. König: Ängste sind für den Mensch auch ein natürlicher Schutzmechanismus, überbordende, gar unbegründete Angst muss ja besondere Ursachen haben, wo sind diese zu suchen? 

 Jörg Schindler
Foto: Franziska  Buddrus
Jörg Schindler:  Sie haben Recht, Angst ist per se nicht nur natürlich, sondern überlebensnotwendig. Wir hätten es ohne unsere Ängste evolutionär niemals so weit gebracht. Was ich in meinem Buch kritisiere, ist auch nicht die Angst an sich – sondern die Tatsache, dass eine Vielzahl von Interessengruppen vergleichsweise geringe Gefahren maßlos aufbauscht, während tatsächliche Bedrohungen ignoriert oder klein geredet werden. Viele von uns achten inzwischen fast panisch auf gluten- oder laktosefreie Ernährung, über zu fette, zu süße oder zu einseitige Ernährung machen sich aber viel zu wenige Gedanken. 

Die Angst vor Kriminalität wächst, obwohl sie eher abnimmt. Die Terrorangst sitzt in den Köpfen, aber in den Straßenverkehr stürzen wir uns furchtlos, obwohl dort jährlich tausend Mal mehr Menschen sterben. Kurzum: Man muss sich bewusst machen, dass hinter vielen unserer modernen Ängste handfeste Interessen stehen: finanzielle oder politische zum Beispiel. 

Peter J. König:  Hat sich das Sicherheitsbedürfnis unserer Bürger grundsätzlich verändert z.B. im Verhältnis zu den 1950er und 1960er Jahren und hat dies auch etwas mit dem Wohlstand in Deutschland zu tun? 

Jörg Schindler: Ich denke schon. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging es in westlichen Nationen wirtschaftlich ja immer bergauf. Der Satz "Meinem Kind soll es mal besser gehen" war eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Das ist vorbei. Spätestens die Finanzkrise hat gezeigt, dass es diesen Automatismus nicht mehr gibt. Industrie und Politik müssen sich immer abenteuerlichere Konstrukte einfallen lassen, damit die Wirtschaft wächst. Deutschland wird immer mehr zur Wohlstandsinsel, während drumherum immer neue Krisen entstehen. Das merken die Menschen, und es macht ihnen zu Recht Angst. Das Schlimme ist, dass sie diese Angst zunehmend auf einen Sündenbock projizieren – auf Fremde und Flüchtlinge, die angeblich unseren Wohlstand bedrohen. Dabei sind die Ursachen ganz woanders zu suchen.

Peter J. König: Ist Rechtsradikalismus primär auf Verlust- oder Versagensängste besonders im Osten der Republik zurückzuführen oder gibt es ganz spezielle Gründe warum sich der Nationalismus so offen in den neuen Bundesländern zeigt? 

Jörg Schindler:  Ich glaube, dass überall die Angst vor Veränderungen wächst, weil in den Augen vieler Menschen die Zukunft eben nicht mehr zwangsläufig besser sein muss als die Gegenwart. Und diese Veränderungsangst zeigt sich meines Erachtens viel stärker in Ostdeutschland, weil den Menschen dort in den letzten Jahrzehnten einfach viel mehr Veränderungen zugemutet wurden als den Westdeutschen. Deswegen ist dort auch die Angst vor Flüchtlingen so groß, obwohl es ja in weiten Teilen Sachsens oder Mecklenburg-Vorpommerns kaum Flüchtlinge gibt. Allein dieses Gefühl, jetzt müssen wir uns schon wieder auf eine neue Situation einstellen, scheint viele ungeheuer wütend zu machen. 

Peter J. König: Das Spiel mit der Angst ist ja nicht neu, man denke nur an die Kuba-Krise und die Gefahr eines Dritten Weltkrieges auch mit Atomwaffen, warum verunsichert die aktuelle Lage weitaus mehr die Durchschnittsbürger, wenn über Islamisierung und Überfremdung seitens der Rechtspopulisten schwadroniert wird? 

 Jörg Schindler
Foto: Franziska  Buddrus
Jörg Schindler: Wir erleben seit den Terroranschlägen von 11. September 2001 in New York und Washington eine immer perfider werdende Diffamierungskampagne gegen eine ganze Religionsgemeinschaft – eben die Muslime. Die US-Regierung unter George W. Bush hat ihren Teil dazu beigetragen, dass viele Terrorismus inzwischen nur noch dann für Terrorismus halten, wenn er von Islamisten begangen wird. Eine wachsende Zahl von Menschen hält Islam mittlerweile sogar für ein Synonym für Terror. 

Mit dem Erstarken der Terrormiliz "Islamischer Staat" scheint sich das ja sogar bestätigt zu haben. Dabei besteht der IS im Kern aus einem Haufen Krimineller, die unter anderem mit dem Schmuggeln von Pornos ihr Geld gemacht haben und ihren Fanatismus lediglich religiös ummänteln. Der Westen aber tut ihnen den Gefallen, sie als "Gotteskrieger" zu betrachten, wodurch immer mehr friedliche Muslime unter Generalverdacht geraten. Dass es so einfach nicht ist, scheint die wenigsten zu kümmern. Aber wir leben offenbar gerade in der Zeit der großen Vereinfacher, wie ja allein der unheimliche Erfolg von Donald Trump in den USA zeigt. 

Peter J. König: Die Deutschen sind Reiseweltmeister, die bis in die letzten Winkel dieser Erde vordringen und notfalls in Shorts und Sandalen durch den afrikanischen Busch reisen oder die Moscheen in den arabischen Ländern besuchen, warum bekommen sie die Panik, wenn sie einer einzelnen Burka in Hamburg oder München begegnen? 

Jörg Schindler:  Alles Ungewohnte, alles Fremde, ist erst einmal eine Herausforderung. So weit, so verständlich. Man sieht das ja oft bei seinen Mitmenschen: Während viele "die" Türken pauschal ablehnen, gehen sie mit Freude zu "dem" Türken nebenan, kaufen bei ihm Essen oder lassen sich von ihm die Haare schneiden. Begegnung lässt Hemmschwellen sinken. Wir sind inzwischen aber an einem Punkt angelangt, wo viele gar keine Begegnung mehr wollen. Grenzen dicht, lautet dann das einfache Motto, dass ja nicht nur von der AfD, sondern auch von etablierten Politikern verstärkt propagiert wird. Und für sie ist die Burka längst zum politischen Kampfinstrument geworden, obwohl man Burka-Trägerinnen in Deutschland mit der Lupe suchen muss. 

Peter J. König: Warum fehlt es den Deutschen an Mut, Zuversicht und Gelassenheit, Eigenschaften die doch die Lebensqualitäten erheblich verbessern und die Sie, Herr Schindler in Ihrem Buch "Panikmache" unbedingt anraten, hat dies etwa grundsätzlich mit der Mentalität der Bürger zu tun?

Jörg Schindler: Wie gesagt: Es gibt ja tatsächliche Krisen, die Grund zur Sorge machen – die Finanzkrise, die Ukrainekrise, um nur mal zwei zu nennen. Gepaart mit all den anderen vermeintlichen Krisen, die von Interessengruppen aufgebauscht werden, ergibt sich ein unheimlich wirkendes Kompendium. Drittens wird uns ja wirklich jede Katastrophe auf der Welt – ein Virus in Brasilien, ein Busunglück in Nepal, eine Haiattacke in Australien – inzwischen live und in Echtzeit auf unser Smartphone gespielt. 

Der Gesamteindruck, der so entsteht, ist: wir sind von Gefahren umzingelt. Deswegen glaube ich, dass es so ungeheuer wichtig ist, wieder zu lernen, Scheinängste von realen Risiken zu unterscheiden. Sonst braucht es auf mittlere Sicht gar keine Panikmacher mehr. Dann machen wir uns ganz von alleine Angst und mauern uns so sehr ein, dass unser Leben irgendwann an uns vorbeiläuft. Das kann keiner ernsthaft wollen.

Lieber  Jörg Schindler, besten Dank für das aufschlussreiche Gespräch. 

Ihr Peter J. König 

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