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Helga König im Gespräch mit der Multimediakünstlerin und Kulturaktivistin Barbara Ambrusch-Rapp.

Liebe Barbara Ambrusch-Rapp, Sie sind freischaffende Multimediakünstlerin und Kulturaktivistin. Damit die Leser von "Buch, Kultur und Lifestyle" mehr über Sie, Ihr Schaffen und Engagement, aber auch über die bevorstehende Einzelausstellung Ihrer Werke unter dem Titel "Bröselhaut" im Dinzelschloss Villach erfahren, möchte ich heute einige Fragen an Sie richten?

Helga König: Auf Ihrer Homepage erhält man eine Fülle von Eckdaten zu Ihrer Vita und in diesem Zusammenhang erfährt man auch, dass Sie eine Reihe von Preisen für Ihre künstlerischen Arbeiten erhalten haben. Welchen Anspruch stellen Sie an sich als Multimediakünstlerin und wie schaffen Sie es, diesen Anspruch so zu erfüllen, dass Ihre Arbeiten preisgekrönt werden?

  Barbara Ambrusch-Rapp
Foto: Marcel Ambrusch 
Barbara Ambrusch-Rapp: Ich sehe mich als subjektiven Filter, durch den meine Wahrnehmung zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen fließt. Die Fragestellungen, die sich dann bei mir auftun oder die in meinem Umfeld relevant sind, mache ich sichtbar und stelle sie damit zur Diskussion. Das Medium – ob Bild, Installation, Video oder Performance – wähle ich passend zum jeweiligen Inhalt, den ich umsetzen möchte. Mal reicht die zweidimensionale Leinwand aus, mal muss es die räumliche Situation sein. Besonders wichtig ist mir neben der zuweilen sehr lauten Bildsprache auch das satirische, das humorvolle Element. Meine Themen sind eher sperriger Natur, da braucht es auch einen Ausgleich in der jeweiligen Arbeit, sonst wird mir die Sache zu verkrampft und bitter. Was die Auszeichnungen und Förderungen betrifft, ist meine Arbeit nicht explizit darauf ausgerichtet. Aber ich freue mich doch immer wieder darüber, wenn "externe" Personen zu dem, was ich mache, einen Zugang finden und meinem Wirken ihre Anerkennung zollen.

 Helga König
Helga König: Worin sehen Sie Ihre Aufgabe als Kulturaktivistin und wie reagieren Dritte auf Ihre Aktivitäten?

Barbara Ambrusch-Rapp: Mein Anliegen ist der Fokus auf die Menschenwürde und alle Aspekte, die sich im Alltag daraus ableiten lassen. Diese Lebensanschauung möchte ich weitertragen, praktiziere sie auch in meiner Kunst und im Rahmen von privaten oder öffentlichen Interventionen und Projekten, sowohl in der virtuellen als auch in der physischen Realität. All meine Aktivitäten versuche ich bestmöglich darauf aufzubauen. Die Reaktionen – soweit ich davon erfahre – sind großteils positiv. Naturgemäß gibt es auch Widerstand und zuweilen kann der schon mal heftig ausfallen. Aber ich stehe mittlerweile so weit auf beiden Beinen im Leben, dass ich Gegenwind ganz gut aushalten kann. "Everbody’s Darling" zu sein, ist nicht meine Aufgabe.

 die menschenmacherinnen kommen
Helga König: Sie schreiben auch Texte zur Kunst und nehmen an Podiumsdiskussionen teil. Dürfen wir diesbezüglich mehr erfahren? 

Barbara Ambrusch-Rapp: Mit der künstlerischen Arbeit der Kollegenschaft beschäftige ich mich schon aus Eigeninteresse sehr gerne, um Einblick in ihr Wirken und dabei auch eine persönliche Horizonterweiterung als willkommenen Nebeneffekt zu erfahren. Wenn ich eine Anfrage zur Rezension oder etwa einen Katalogtext bekomme, wird es meist sehr intensiv in der Auseinandersetzung mit dem Werk des Künstlers / der Künstlerin. Dieser immer wieder herausfordernde Prozess verlangt mir viel ab, aber ich möchte ihn keinesfalls missen. In Podiumsdiskussionen versuche ich, mir in Gedanken eine Art Wohnzimmeratmosphäre vorzustellen, um möglichst authentisch zu bleiben und nicht exzessiv mit zurechtgelegten Phrasen um mich zu werfen. Grundsätzlich fühle ich mich als öffentliche Person beim geschriebenen oder verbildlichten Wort viel eher daheim, als im mündlichen Gespräch auf der Bühne.

 k)ein Orakel für dich 
Helga König: Sie sind Mitglied in verschiedenen Künstlergruppen und Gründungsmitglied des Kunstvereins postWERK. Was bietet der Verein seinen Mitgliedern und worin sehen die Vereinsmitglieder ihre Hauptaufgabe? 

Barbara Ambrusch-Rapp: Gemeinsam mit Dorothee Unkel haben wir vor einigen Jahren postWERK gegründet, um die Arbeit von ausgewählten internationalen Kunstschaffenden einem wechselnden Publikum an verschiedenen Orten näher zu bringen. Im Rahmen von Jahresprojekten widmen wir uns gesellschaftsrelevanten Inhalten und bitten unsere Mitglieder, ihre diesbezüglichen künstlerischen Positionen zu beziehen. Sowohl für die Ausstellungsgäste als auch für uns selbst ist es immer wieder eine Bereicherung, völlig unterschiedliche Zugänge zu ein und derselben Thematik zu erleben.

 die letzte Instanz
Helga König: Sie haben sich in vielen Metropolen Europas aufgehalten. Was haben diese Aufenthalte für Sie als Multimediakünstlerin und Kulturaktivistin gebracht? 

Barbara Ambrusch- Rapp:  Nach jeder Reise komme ich mit neuen Kontakten, inspirierenden Eindrücken und mir selbst gesetzten Aufgabenstellungen zurück nach Kärnten. Ein besonderes Schlüsselerlebnis hatte ich vor zwölf Jahren im New Yorker Stadtteil Chelsea. Was ich da an Zugängen zur künstlerischen Praxis erleben durfte, hat mich tief beeindruckt. Im Nachhinein betrachtet ist mir damals erst so richtig "der Knopf aufgegangen" und ich konnte endlich die jahrzehntelang mir selbst auferlegten Zwänge in der Definition von Kunst über Bord werfen. Für diese wichtige Erfahrung bin ich heute noch sehr dankbar.

 Helga König:  Dürfen wir mehr zu Ihren Installationen, Videos und zu Ihrer Performance erfahren?

Barbara Ambrusch-Rapp:  Diese Ausdrucksformen sind für ich eine wichtige Ergänzung zur Zweidimensionalität des Bildes. Wie schon erwähnt, benötige ich zuweilen die räumliche Situation, das Audiovisuelle bzw. einen Handlungsstrang zur Umsetzung meiner Inhalte. Die eindringliche und dennoch zarte Wirkung der Arbeit AMEISENSCHEISSE (http://youtu.be/W7mc1zwFbqQ) im Video wäre beispielsweise als Fotografie eine völlig andere gewesen. Meine Performances sind mir liebgewordene Spielwiese und Möglichkeit zur direkten Interaktion mit dem Publikum. Die Unvorhersehbarkeit gehört für mich hier immer mit ins Konzept. Dies bescherte mir etwa bei DO YOU WANT TO (http://youtu.be/BihI4ABe2Lc) die skurrile Situation, dass ich statt wie geplant mit jeweils nur einer Person sichtbar zu agieren, schlussendlich die ganze Bühne voller "schlafender" Leute aus dem Publikum hatte.

Helga König: Können Sie unseren Lesern etwas zur bevorstehenden Ausstellung "Bröselhaut" mittteilen? 

 Barbara Ambrusch-Rapp
Foto: Marcel Ambrusch 
Barbara Ambrusch-Rapp:  Ich freue mich sehr, dass "Bröselhaut" im Dinzlschloss Villach mit Eröffnung am 7. März 2017 zeitnah zum Weltfrauentag starten wird. Gemeinsam mit dem Team der städtischen Kulturabteilung haben wir uns diesen Termin ausgesucht, weil ich mich auch in dieser Schau – wie schon seit Jahren – mit den Geschlechterrollen auseinandersetze. Die Haut als vielschichtige Metapher bot sich mir als Werkzeug dafür an. Ich sehe sie etwa als Abgrenzung zwischen dem Vertrauten und dem Fremden, Rahmenbedingungen innerhalb gesellschaftlicher Kategorien umfassend. Haut als Membran im Übergang vom Innen zum Außen, als textile Hülle oder starrer Schutzpanzer und unbedingt auch in ihrer sinnlichen Komponente…

Wenn Altbekanntes in seinen Strukturen zu zerbröseln scheint, steht allerdings nicht nur das Frauenbild erneut zur Debatte. Die offenen Wunden einer Gesellschaft, deren Mitglieder an ihrer Identitätsfindung und Neuorientierung laborieren, will ich nicht unbeachtet lassen. Humorvolle und satirische Elemente dürfen dabei als Tribut an meinen überzeugten Optimismus verstanden werden. Link zum Ausstellungsort: www.villach.at/stadt-erleben/kultur/dinzlschloss 

 Helga König
Helga König:  Sie haben mir einige Werksabbildungen Ihrer Werke zugemailt, die man in der Ausstellung "Bröselhaut" sehen kann. Können Sie zu den Bildern, die ich hier ins Interview eingebunden habe, näheres berichten?

Barbara Ambrusch-Rapp Meine Arbeit "dogma unterfuttert" haben wir als Titelsujet ausgewählt. Darin thematisiere ich die erneut zunehmende Reduzierung der Frau auf ihren Körper und auf das, was sie trägt. Dogmen pflanzen sich wie Pfähle rund um ihre Existenz und in ihrem Dasein fest, werden ihr von allen Seiten eingeflöst. Sie muss Stärke im selbstbewussten Tragen der eigenen Identität entwickeln. Die Wechselwirkung zwischen ihrem Handeln und dem, was ihr diesbezüglich aufgetragen oder zugeflüstert, mit dem sie "angefüttert" wird, muss sie managen – und danach trachten, ihre Würde zu bewahren. Dem stelle ich "die letzte instanz" zur Seite. Das Geschlecht zwischen den Beinen der abgebildeten Person bleibt in ihrer höchstpersönlichen Autonomie gewahrt. Was auch immer von außen auf sie einwirkt, hat ihr Sein nicht in Frage zu stellen. Bei Arbeiten wie etwa "(k)ein orakel für dich" oder "die menschenmacherinnen kommen" versuche ich, sowohl den Unsicherheitsfaktor verschiedener Zukunftsszenarien zu visualisieren, als auch der Zuversicht ihren Raum zu geben: Heutige und kommende Generationen werden die Herausforderungen der jeweiligen Zeit meistern. 

Helga König: Welche Bedeutung hat Farbe in Ihren Werken? 

 dogma unterfuttert
Barbara Ambrusch- Rapp: Meine Palette ist im Prinzip auf Rot in Kombination mit Schwarz- und Weißtönen aufgebaut. Rot in all seinen Nuancen bietet mir ein unglaubliches Spektrum an Zustandsbeschreibungen. Von tiefdunkel blutender Dramatik über zinnoberrote Lebensfreude und Leidenschaft, einem fröhlich zarten Rosa bis zum fragilen Hautton eröffnet mir dieses facettenreiche Werkzeug eine Fülle an Möglichkeiten. In meiner bewusst plakativen Bildsprache ist die Wirkung der Arbeiten ohnehin oft ein wenig laut, teilweise fast brachial. Da tut es meiner Meinung nach dem Sinn der Sache ganz gut, nicht über zusätzliche Farbexplosionen vollends mit der Tür ins Haus zu fallen. Das wäre mir dann schlichtweg zu viel des Guten. 

Helga König: Welchen Weg geht die Kunst im digitalen Zeitalter und wird sich der Kunstbegriff durch die digitale Veränderung entscheidend verändern? 

Barbara Ambrusch-Rapp: Ich sehe den "Kunstbegriff" ohnehin im ständigen Wandel und die Implementierung von virtuellen Realitäten längst vollzogen.

Liebe Barbara Ambrusch-Rapp, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch und wünsche Ihnen  eine  erfolgreiche Ausstellung.

Ihre Helga König