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Peter J. König im Gespräch mit Prof Dr. Daniel Schönpflug über sein Buch "Kometenjahre- 1918- Die Welt im Aufbruch- S. Fischer

Lieber Herr Prof. Dr. Schönpflug, vor geraumer Zeit habe ich Ihr Buch "Kometenjahre- 1918- Die Welt im Aufbruch" auf "Buch, Kultur und Lifestyle" rezensiert. Dazu möchte ich Ihnen heute einige Fragen stellen.


Peter J. König: Wie ist zu verstehen, Herr Professor Dr. Schönpflug, dass trotz der vielen Toten und der Zerstörung durch die unterschiedlichen Kriegshandlungen in Europa doch neben der Depression eine Zeitlang eine solche Hoffnung aufkeimen konnte, die Sie zu dem Titel ihres Buches "Kometenjahre" inspiriert hat? 

 Prof. Dr. Daniel Schönpflug
Foto: Andreas Labes
Prof. Dr. Daniel Schönpflug: Menschen auf der ganzen Welt hatten während des Krieges unter Tod, Krankheit, Hunger und Armut gelitten. Mit dem Kriegsende war zumindest die Hoffnung verbunden, dass all das jetzt ein Ende haben würde. Doch der Zusammenbruch von vier Weltreichen und die Serie von Revolutionen seit 1917 setzte darüber hinaus kreative Energien frei. Der Untergang der alten Welt in den Trümmern des Kriegs schuf Raum für Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. 

 Peter. J.  König
Peter J. König: Gerade die Kunst der Nachkriegszeit nach dem Ersten Weltkrieg, und da gibt es neben George Grosz und Käthe Kollwitz viele deutsche Maler und Karikaturisten, die dem Elend und der Verzweiflung der Menschen Ausdruck gaben, gerade diese Kunst zeigt nichts von Hoffnung und Aufbruch. Und doch müssen die Menschen eine Vision von einer besseren und gerechteren Welt gehabt haben, ist dies nur Wunschdenken gewesen oder gab es reale Ansätze, die solche Hoffnungen nährten? 

Prof. Dr. Daniel Schönpflug: Auch in der Kunst ist diese Hoffnung zu spüren. Man denke nur an Walter Gropius und die von ihm ins Leben gerufene Bauhausbewegung. Es ist der Versuch, durch Architektur und Städtebau eine neue Gesellschaft zu erschaffen. Auch die Zwölftontechnik ist eine visionäre Kunstrichtung. In der Realität gab es durchaus Ansätze zur Hoffnung – auf internationaler Ebene etwa die Gründung des Völkerbundes, der einen erneuten Krieg verhindern sollte. Revolutionen in Russland, Deutschland, Österreich, aber auch in vielen Ländern Osteuropas und des Balkans schürten Hoffnungen auf demokratische Partizipation und soziale Gerechtigkeit. Die Erschütterung der kolonialen Imperien ging mit der Erwartung einher, dass die unterdrückten Völker bald frei werden könnten. Einen bedeutenden Fortschritt brachte auch die Einführung des Frauenwahlrechts in vielen Ländern der Welt. 

Peter J. König: Warum ist eigentlich die Situation nach dem Ersten Weltkrieg so wenig im Bewusstsein der heute lebenden Generationen präsent, hat dies nur mit den darauf folgenden Gräuel des Zweiten Weltkriegs zu tun, oder haben die Historiker diese Zeit einfach nur weniger erforscht?

Prof. Dr. Daniel Schönpflug:  Über die Zwanziger Jahre gibt es eine reiche wissenschaftliche Literatur, nicht nur in Deutschland. Doch die Perspektive ist häufig die einer „Vorgeschichte“ der totalitären Regime und des Zweiten Weltkriegs. Erst in jüngerer Zeit haben die Historiker, zuletzt etwa Philipp Blom oder Robert Gerwarth, sich die Nachkriegszeit des Ersten Weltkriegs unter neuen Prämissen angesehen. 

Peter J. König: Hat das Ende des 1. Weltkrieges tatsächlich die gleiche geschichtliche Bedeutung wie etwa die Französische Revolution oder muss man da doch von einer unterschiedlich graduellen Bedeutung ausgehen? 

 Prof. Dr. Daniel Schönpflug
Foto: Andreas Labes
Prof. Dr. Daniel Schönpflug:  Solche Vergleiche sind nicht einfach – umso weniger, als auch über die Tiefe der Zäsur von 1789 vielfach diskutiert wird. Aber immerhin setzt sich die Forschungsmeinung mehr und mehr durch, dass es sich bei den Jahren von 1917-1923 um die „Schwelle“ des 20. Jahrhunderts und des Zeitalters der Extreme handelt. Tatsächlich waren Krieg, Revolutionen und anschließende Neuordnung eine Zäsur nicht nur in weltpolitischer Hinsicht, sondern auch in vielen einzelnen Ländern. Selbst die Siegerländer, die ja nicht von Revolutionen erschüttert waren, erlebten gesellschaftlichen Wandel und politische Mobilisierungen – etwa die „Red Scare“ in den USA. 

 Peter J. König
Peter J. König: Unzweifelhaft steht der 2.Weltkrieg in einem direkten Zusammenhang mit dem ersten, gibt es neben den politischen Folgen auch so etwas wie eine innere Logik, auch neben der deutschen Knebelung durch den Versailler Vertrag? 

Prof. Dr. Daniel Schönpflug:  Der Versailler Vertrag hat ohne Frage – als Symbol und in seinen praktischen Folgen – zu einem Wiedererstarken der Kriegsbereitschaft in Deutschland geführt. Doch der Zusammenhang zwischen den beiden Weltkriegen ist vielleicht noch viel enger: Historiker beginnen, die Jahre zwischen 1914 und 1945 als einen modernen "Dreißigjährigen Krieg", also als zwei Phasen ein und derselben globalen gewaltsamen Auseinandersetzung anzusehen. 

Peter J. König: Die Revolution in Russland hat ja besonders für eine ideologische Spaltung der Gesellschaften in Europa gesorgt, welchen Einfluss hatten dabei das kapitalistische Denken der Amerikaner und ihr Eintritt in den Ersten Weltkrieg? 

Prof. Dr. Daniel Schönpflug:  Mit dem Eintritt in den Ersten Weltkrieg, welcher der entscheidende Beitrag zum Sieg des Westens war, werden die USA zur Weltmacht. Gemessen an dieser Aufwertung ist die Rolle, die der amerikanische Präsident Woodrow Wilson in Versailles zu spielen vermochte, eher gering. Wirkungsvoller waren vielleicht neue, in Amerika erfundene Produktionsweisen und kulturelle Codes: Selbst in der Sowjetunion bewunderte und imitierte man etwa die Fließbandfertigung wie sie in Amerika von der Automobilmarke Ford eingeführt wurde. Gleichzeitig begann der weltweite Siegeszug des Jazz. 

Peter J. König: Ist es geschichtlich abwegig zu sagen, dass unsere heutige Entwicklung in Europa noch immer unter dem Einfluss des Endes des 1. Weltkrieges steht und dass der Kontinent erneut nach einer Phase des aufeinander Zugehens, ähnlich wie nach 1918, wieder sich in nationalistischem Gedankengut verrennt? 

 Prof. Dr. Daniel Schönpflug
Foto: Andreas Labes
Prof. Dr. Daniel Schönpflug:  Seit 1989 sehen wir, leider, ein Erstarken nationalistischer Tendenzen, die sich in den letzten Jahren nochmals verstärkt haben. Dies scheint mir allerdings keine Folge des 1. Weltkriegs zu sein. Was wir erleben, sind vielmehr die Spätfolgen der Umbrüche von 1989. Auch hier brach eine Weltordnung, die Spaltung in zwei Blöcke, auseinander, auch hier gab es in vielen Ländern des Ostens Revolutionen. Für einen historischen Moment sah es so aus, als hätten Freiheit, Wohlstand und Frieden gesiegt. Doch schon bald zeigten sich unerwartete Folgen: der Krieg in Jugoslawien, der Golfkrieg; gleichzeitig das weltweite aggressive Ausgreifen der westlichen Wirtschaftsordnung, die mit Deregulierung, Entstaatlichung und Globalisierung einherging – also jene Welle, die stark vereinfacht als "neoliberale Revolution" bezeichnet werden kann. 

Weiterhin sind es die Jahre einer digitalen Revolution, die das Leben der Menschen auf der Welt von Grund auf verändert hat. Rechnet man schließlich das Aufflackern des Terrorismus, die verheerende Wirtschaftskrise von 2008/9, die Europa-Krisen sowie die Revolutionen im Mittelmeerraum hinzu, so entsteht das Bild einer sich rapide wandelnden und ganz und gar instabilen Welt. In ihrer Verunsicherung klammern sich die Menschen an alte Vorstellungen von Heimat und Nation, von "Wir" und sie schenken selbsternannten starken Männern und Frauen Vertrauen, die mit einfachen Parolen einfache Lösungen propagieren. So ist der Nährboden für Populismen und neue autoritäre Regime entstanden. 

 Peter J. König
Peter. J. König: Hat das Werben von Louise Weiss um ein solidarisches Europa nach dem 1. Weltkrieg überhaupt eine Chance gehabt und gab es wichtige Kräfte in Frankreich und in anderen europäischen Ländern, die eine ähnliche Vorstellung hatten? 

Prof. Dr. Daniel Schönpflug: Die europäische Idee ist in den Zwanziger Jahren sehr lebendig, man denke nur an die paneuropäische Bewegung von Richard Coudenhove-Kalergi mit ihren Mitgliedervereinigungen in fast dreißig Ländern des Kontinents. Doch weder Louise Weiss Vorschläge zur gegenseitigen finanziellen Unterstützung der europäischen Staaten, noch die paneuropäische Idee eines Staatenbundes hatten in dieser Zeit ausreichend politische Unterstützung.

Peter J. König:  Wenn Sie, Herr Professor Dr. Schönpflug, sich mit der tieferen Problematik der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg befassen, stehen Ihnen dann heute alle Quellen aus der Zeit offen, auch in Russland, oder bleibt da noch vieles im Dunkeln? 

Prof. Dr. Daniel Schönpflug: Es gibt noch viel zu entdecken, insbesondere in der ehemaligen Sowjetunion und in Osteuropa, wo sich die Archive erst langsam zu öffnen beginnen. Auch wird der Forschung erst jetzt so recht klar, dass es sich bei der Schwelle von 1918 um ein globales Phänomen handelt. Doch was zu dieser Zeit etwa in China und Japan oder in Südamerika geschieht, ist den meisten Historikern im Westen nicht bewusst. 

Peter J. König: Wenn politisch die Nachkriegszeit nach 1918 wenig erfolgreich war, kann man dann zumindest von einer nachhaltig positiven gesellschaftlichen Veränderung sprechen, etwa bei der Emanzipation der Frauen, einer gewissen Liberalität und in Hinblick auf die Öffnungen der Gesellschaften in Europa und in den USA? 

 Prof. Dr. Daniel Schönpflug
Foto: Andreas Labes
Prof. Dr. Daniel Schönpflug: Politisch hat die Nachkriegszeit Grundlagen gelegt: Die Verfassung der Bundesrepublik ruht auf jener der Weimarer Republik auf, die Vereinten Nationen sind eine Fortsetzung des 1919 gegründeten Völkerbundes. Der gesellschaftliche Wandel nach 1918 war aber sicher nachhaltiger: die politische Partizipation der Arbeiterschaft und der Frauen, die Verbesserung der staatlichen Daseinsfürsorge, all das ging einher mit einer Liberalisierung von Lebensverhältnissen insbesondere in den Großstädten des Westens.

Lieber Herr Prof. Dr. Schönpflug, ich danke Ihnen für das aufschlussreiche  Gespräch.

Ihr Peter J. König

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